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Epilepsie – wie ein Gewitter im Gehirn

  • stiftungkanthaboph
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit



Wir sind gut angekommen in Siem Reap und haben in unseren ersten Wochen schon viel erlebt. Die Betreuung ist super und auf unsere Interessen wird eingegangen, beispielsweise die Neurologie. Dr. Bunthong, der Leiter der Neugeborenenstation, konnte für uns einen Besuch auf der EEG-Station organisieren. Ein EEG – eine Elektroenzephalographie – wird zur Diagnose von Epilepsie benutzt und zeichnet die Hirnströme auf.


An unserem ersten Tag in der neurologischen Abteilung wurden wir herzlich begrüsst von Dr. Raksmey und erhielten eine Einführung. Auf die Station C1 werden die Kinder mit Verdacht auf Epilepsie zugewiesen. Dies bedeutet, dass beim Kind Anfälle beobachtet wurden. Je nach Fall wird zusätzlich zum EEG auch ein MRI zum Ausschluss anderer Ursachen gemacht.


Für die EEG-Messungen gibt es ein separates Zimmer auf der Station. Hier ist die Luft angenehm gekühlt, sodass die Kinder besser einschlafen können (für uns war es auch eine willkommene Abkühlung). In der Nacht vor dem EEG müssen die Patienten ab 2 Uhr wach sein, damit sie zum Zeitpunkt der Messung einen Schlafentzug haben. Vor der Untersuchung müssen die Patienten ihre Haare waschen.




Die Untersuchung beginnt mit der Anbringung der 21 Elektroden. Dafür muss der Schädel zuerst mit dem sogenannten 10-20-System (siehe Foto) vermessen werden. Dann werden die einzelnen Elektroden an den markierten Punkten angeklebt und mit der Maschine verkabelt. Nun ist der Patient bereit und legt sich vorsichtig auf die Liege. Die eigentliche Untersuchung gliedert sich üblicherweise in vier Abschnitte:


1. Augen öffnen/schliessen

2. Intermittierende photische Stimulation (flackerndes Licht)

3. Hyperventilation

4. Schlaf


Das Öffnen und Schliessen der Augen soll das Gehirn entspannen. Das hochfrequente Licht und die Hyperventilation sind Triggerfaktoren für epileptische Aktivität. Im Schlaf lassen sich Anzeichen für epileptische Veränderungen am einfachsten erkennen.


Währenddessen werden auf dem Bildschirm die elektrischen Ströme beobachtet und nach Zeichen epileptischer Aktivität gesucht. Diese Zeichen sieht man anhand von speziellen Wellen/Zacken im EEG. Sie bedeuten nicht, dass der Patient gleichzeitig einen Anfall hat. Kombiniert mit der Anamnese des Patienten, kann eine Diagnose gestellt und die Behandlung geplant werden.

 

Am nächsten Tag konnten wir bei einer EEG-Untersuchung dabei sein und mithelfen. Patient Sokneam ist ein 14-jähriger Mönch und kommt aus einem weit entfernten Distrikt. Seit einem Jahr leidet er an drei bis fünf Anfällen pro Monat, bei denen sich sein Körper verkrampft. Seine Anfälle dauern drei bis fünf Minuten. Vor einem Monat war er bereits hier und konnte aber nicht lange genug bleiben für die Untersuchung.


Als wir das Zimmer betreten, wirkt Sokneam etwas müde und zurückhaltend. Er lässt sich durch unsere Präsenz nicht beunruhigen. Srey Pun und Derich, die EEG-Assistenten, vermessen seinen Kopf und instruieren uns, wie wir die Elektroden anbringen sollen. Dann legt sich Sokneam gemütlich hin und wir starten mit den Messungen. Bei den ersten drei Schritten macht er gut mit und es dauert nicht lange, bis wir ein leichtes Schnarchen hören. Das Einschlafen gelingt nicht allen Kindern so einfach – dann wird mit einem Sedationsmittel nachgeholfen.




Nach etwa 20 Minuten Schlaf ist die Untersuchung vorbei und wir können mit Dr. Raksmey die Resultate anschauen. In seinem EEG sieht man epileptische Aktivität in Form von «sharp waves» und «spike waves» (siehe Foto). Hiermit können wir seine Diagnose stellen: generalisierte tonische Epilepsie. Nun kann er mit der medikamentösen Therapie beginnen. In seinem Fall ist das Carbamazepin 5 mg/kg/Tag.


In einem Monat wird Sokneam zum ersten Follow-up-Termin kommen. Falls er keine Anfälle mehr hat, kann er die Dosis beibehalten, sonst wird sie erhöht. Sobald er medikamentös gut eingestellt ist, wird das Intervall der Follow-up-Termine bis auf sechs Monate erweitert. Wenn er für längere Zeit anfallsfrei bleibt (meistens drei bis vier Jahre), wird ein Kontroll-EEG gemacht, um die restliche epileptische Aktivität zu bestimmen. Ist keine mehr vorhanden, kann mit der langsamen Absetzung der Medikamente begonnen werden, um die Behandlung zu beenden.

 

Während unserem Aufenthalt sind wir auch mit der Wahrnehmung der kambodschanischen Bevölkerung zur Epilepsie in Berührung gekommen. Es ist ein schwieriges und kontroverses Thema. Die Ärzte haben sich bemüht, es uns zu erklären. Das Wort Epilepsie hat in Khmer zwei verschiedene Übersetzungen. Einerseits gibt es die Übersetzung im medizinischen Sinne. Andererseits bedeutet es auch «foolish pig». Das Wort in Khmer befleckt die ganze Familie des Patienten und ist stark negativ konnotiert. Es wird vor allem in den älteren Generationen und ländlichen Regionen benutzt und liegt am fehlenden Verständnis für die Ursache der Epilepsie. Deshalb müssen Dr. Raksmey und ihr Team auch Aufklärungsarbeit leisten.

 

Das EEG-System gibt es seit April 2019 im Spital; insgesamt wurden schon 926 Untersuchungen gemacht. Dr. Raksmey hat ihre Ausbildung dafür im Spital in Phnom Penh absolviert, wo das System schon länger in Betrieb ist. Sie besucht das Spital für jährliche Fortbildungen und für Rückfragen kann sie sich an ihren Mentor wenden.


Bei den gemachten EEGs wird in etwa 90 Prozent der Fälle eine Epilepsie diagnostiziert, am häufigsten eine generalisierte tonisch-klonische Epilepsie. Die meisten Fälle werden medikamentös behandelt und nur wenige brauchen eine chirurgische Intervention. Dr. Raksmey schätzt das Durchschnittsalter der Kinder auf fünf bis zehn Jahre. Aktuell sind über 600 Kinder in Behandlung (siehe Tabelle). Letztes Jahr haben rund 100 Kinder die Behandlung abgebrochen, was die Schwierigkeit der langjährigen Behandlung widerspiegelt.


Mit besten Grüssen aus Siem Reap

Sophie und Samuel

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